Moderne & zeitgenössische japanische Literatur


  • Aktuelle Forschungsschwerpunkte
  • Japanbezogene literaturwissenschaftliche Forschung
  • Zeitgenössische japanische Literatur (Heisei bungaku, J-Bungaku)
  • Japanische Gegenwartsliteratur (gendai bungaku)
  • Moderne japanische Literatur (kindai bungaku)
  • Religion und Literatur / Sinnsuche in Japan


Aktuelle Forschungsschwerpunkte

Literatur und Fachgeschichte

Mit der Erkenntnis, dass die westliche / europäische japanologische Literaturwissenschaft, wie sie sich nach 1945 formierte, ebenso wie die japanische Landesliteraturwissenschaft (kokubungaku) in ein zeitgeschichtliches Stadium eingetreten ist, stellt sich für die deutschsprachige Japanologie die Frage nach einer "neuen" japanbezogenen Literaturwissenschaft. Die Ansätze der 1980er, 1990er Jahre im Hintergrund, gilt es für das 21. Jahrhundert zeitgemäße Betrachtungsweisen der gesamten Literaturgeschichte Japans sowie der Klassiker der Moderne und der Gegenwart (kindai bungaku, gendai bungaku) zu finden, gleichzeitig aber auch wenn nötig diesen Kanon zu revidieren. Diskutiert werden müssen dann vor allem adäquate Interpretationsweisen für die zeitgenössische japanische Literatur.

Dabei wäre die bisher geleistete literaturgeschichtliche Arbeit nicht zu vergessen. Während es zudem nicht ratsam ist, Fragen des Sprachlichen, der Erzählstruktur und der Literaturästhetik auszusparen, erscheint es ebensowenig sinnvoll, anglophonen Vorgaben unreflektiert zu folgen. Der Rückblick auf die Fachgeschichte, deren Rekonstruktion und Kommentierung ein Spezialfeld japanbezogener Literaturstudien bildet, überprüft einerseits die Basis, eröffnet andererseits innovative Wege und bleibt deshalb trotz aller Mainstreamisierung der Forschung ein spannendes, möglicherweise nicht ohne Grund vernachlässigtes Gebiet. Spätestens nach „Fukushima“ stellt sich die Frage nach einer "kritischen Japanologie".

Links zu Vorarbeiten:

Neue Konzepte japanischer Literatur?     
Prof. Meyers Museenreise. Auf literaturgeschichtlichen Spuren des modernen Japan 


Literatur und Zeitgeschichte / Repolitisierung des Literarischen

  • "Japanische Literatur nach 'Fukushima' / Post-Fukushima-Literatur" und Projekt "Nukleare Narrationen"

Mit den Ereignissen vom 11. März 2011 wird die westliche Japanologie vor neue Aufgaben gestellt, die es gilt anzugehen. In Frankfurt entwickelten sich rasch Aktivitäten, die das Studium eines Japan nach „Fukushima“ betreffen, zunächst in Form eines Arbeitskreises Fukushima, aus dem dann bald in Zusammenarbeit mit der Japanologie Leipzig die Webseite „Textinitiative Fukushima“ entstand; die Seite sichtet, übersetzt und kommentiert Texte japanischer Akteure. Im Bereich der Literatur­forschung wurden kurz nach dem Erscheinen japanischer literarischer Kommentare zu „Fukushima“ Synopsen und Analysen der Texte veröffentlicht, wobei nach einer Repolitisierung der japanischen Literatur gefragt wurde (s. dazu auch L. Gebhardt: „Ein Jahr nach Fukushima: Reaktionen der japanischen Literaturszene auf die Dreifachkatastrophe“, Homepage der „Textinitiative Fukushima“); diese Schnittstelle von Zeitgeschichte und literarischer Reprä­sentation der Dreifachkatastrophe mit ihren zahlreichen Implikationen entwickelte sich schnell zu einem Projekt zu Literatur und Zeitgeschichte „nach Fukushima“. Erste Ergebnisse der Über­legungen finden sich im Band Japan nach ‚Fukushima‘: Ein System in der Krise, der im Juni 2012 erschienen ist.

Im Juli 2013 wurde die Forschungsliteratur durch das Erscheinen des Lesebuch „Fukushima“ bereichert, welches bereits vielfach positiv rezensiert wurde. Das Lesebuch präsentiert über zwanzig Beiträge in Form von Übersetzungen, Interviews, Reportagen und Zeitzeugendokumenten, die im Rahmen des Internetprojekts „Textinitiative Fukushima“ in Auseinandersetzung mit japanischen Quellen entstanden sind. Ebenfalls im inter­disziplinären Rahmen konnte in Zusammenarbeit zweier hessischer Forschungszentren im März 2012 eine internationale Konferenz durchgeführt werden, die die Atomkatastrophen von Fukushima und Tschernobyl in vergleichender Perspektive betrachtete. Deren Ergebnisse wurden in Form eines Konferenzbandes in englischer Sprache veröffentlicht; der Band  The Impact of Disaster: Social an Cultural Approaches to Fukushima and Chernobyl (2015) enthält wiederum Beiträge zur Post-Fukushima-Literatur und zur Herausbildung einer kritischen Öffentlichkeit in Japan nach 3/11. Im Frühjahr 2014 erschien ferner der Band Literature and Art after „Fukushima“. Four Approaches.

"Fukushima" als Aufgabe für die japanbezogene Forschung / "Fukushima" as a task for Japanese Studies

Sonderausgabe von literaturkritik.de "Nukleare Narrationen", April 2016

Internationale Symposien und Konferenzen zu 3/11:

2017 Tanaka Symposium in Japanese Studies: ‘Literature after 3.11’, University of Oxford | Pembroke College | 1. Juni 2017

Konferenz "Repenser les écologies d’irradiation / Rethinking Radiation Ecologies", University of Montreal | 15. März 2015

Konferenz "Reframing 3.11: Cinema, Literature, and Media after Fukushima", University of California | Berkeley | 5. April 2014

Jahrestagung der British Association of Japanese Studies (BAJS), Panel „Literature and Art after Fukushima“ | Norwich | 7. September 2012

Konferenz "Comparing Fukushima and Chernobyl: Social and Cultural Dimensions of the Two Nuclear Catastrophes", Goethe-Universität | Frankfurt a.M. | 8.-9. März 2012

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  • "Japanische Literatur im Zeichen des Prekären"

Die zeitgenössische japanische Literatur erfährt in den 1990ern eine signifikante Hinwendung zum Gesellschaftlichen, einen sociological turn und befasst sich in als krisenhaft verstandenen Zeiten („Postbubble-Ära“, „Post-Aum-Ära“) mit der Dokumentation von Sozialphänomenen bzw. mit im öffentlichen Diskurs als problematisch empfundenen sozialen Umständen und Soziotypen, also mit Freetern, NEETs, hikikomori, Verlierern (makeinu) und mit den Working Poor (wâking pua). Die Literatur dokumentiert spätestens seit dem Jahr 2006 Verlustgefühle und Ängste der japanischen Gegenwartsgesellschaft, die sich mit der Globalisierung konfrontiert sieht – insofern sind die literarischen Kommentare zur Lage der Nation in ihrer Form als Freeter-Romane (furîtâ shôsetsu) oder NEETs-Literatur für uns derzeit von großem Interesse, da sie, repräsentiert auch von nicht-literarischen Beiträgern wie der Prekariatsaktivistin Amamiya Karin und dem "Verzweiflungsmann" Shirai Katsumi, die aktuelle Debatte um die Prekarisierung, um Niedergang und Armut in einer sich verändernden japanischen Arbeitsgesellschaft spiegeln. Nicht zuletzt offenbaren die Texte die Gestimmtheit der japanischen Mediengesellschaft. Mit der Dreifachkatastrophe von Fukushima wurde der Prekariatsdiskurs von einer schlimmeren Wirklichkeit eingeholt.

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Beide Forschungsthemen, „Prekariat“ und „Japan nach ‚Fukushima‘“, ergeben gewisser­maßen ein schlüssiges Forschungstableau; sie beschäftigen sich mit Zäsuren, die die japanische Gesellschaft mit Krisensituationen konfrontieren und Probleme aufwerfen, die das Land und seine gesellschaftlichen und politischen Strukturen ebenso betreffen wie sein Verhältnis zur Welt­gemeinschaft: Gelingt Japan eine Öffnung oder zieht es sich im Gefolge des vielfach konstatierten „Wiederaufbaunationalismus“ auf sich selbst zurück? Welche Vermittlungs­arbeit könnte hier die japanwissenschaftliche Forschung leisten?


Japanbezogene literaturwissenschaftliche Forschung

Die Literatur besitzt innerhalb der japanischen Kultur eine lange Tradition und einen hohen Stellenwert. Klassische Texte wie die Gedichteanthologie Man’yoshû und das epische Werk Genji monogatari sind Teil einer Weltliteratur. Die literarische Moderne Japans mit Autoren wie Mori Ôgai, Natsume Sôseki, Akutagawa Ryûnosuke und Hagiwara Sakutarô stellt ein faszinierendes Terrain dar, liest man in ihr doch von der west-östlichen Kulturbegegnung, die die moderne japanischen Geschichte, Ideengeschichte und Kunst mit neuen Leitbildern prägte. In der Gegenwartsliteratur ab 1945 finden wir eine Auseinandersetzung mit der Ideologie des imperialistischen Japan und – ab Mitte der 1950er Jahre – Versuche einer Identitätsbestimmung. Das Leiden an der Moderne und am Trauma der Usurpation durch das Westliche bleibt ein Thema bis heute, wobei die Literatur ab den 1980er Jahren auch die hedonistische japanische Gesellschaft im Zeichen des Konsumismus  abbildet. In jüngster Zeit befassen sich japanische Autoren und Autorinnen mit einem prekären Japan und verleihen ihrer Antipathie mit dem „System Japan“ Ausdruck. Insofern ist die Literatur ein Seismograph japanischer Befindlichkeit, kommentiert das soziale, politische und intellektuelle Zeitgeschehen und spiegelt Konflikte, Wünsche und Visionen wider.

Japanbezogene literaturwissenschaftliche Forschung soll den Kanon der modernen und gegenwärtigen japanischen Literatur erschließen,  auf einem Niveau, das über Stoffbeherrschung und Bestandsaufnahme hinaus eine Meinungsbildung erlaubt. Die Grundlage dafür stellt die Kenntnis des in den Philologien gängigen literaturwissenschaftlichen Repertoires dar. Ziel der Auseinandersetzung mit der japanischen Literatur, die sowohl auf ideengeschichtlicher, literatursoziologischer wie auch auf literaturästhetischer oder literaturökonomischer (Literaturmarkt) Basis erfolgen kann, ist es, von literaturwissenschaftlicher Seite aus Beiträge zu leisten zu einem differenzierten, zeitgemäßen Japanbild, ebenso wie die japanbezogene literaturwissenschaftliche Forschung  innerhalb der Literatur- und Kulturwissenschaft ihre landesspezifische Perspektive einbringt.


Zeitgenössische japanische Literatur (Heisei bungaku, J-Bungaku)

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桐野夏生

Innerhalb des Schwerpunkts „japanische Literatur“ behandelt die Japanologie Frankfurt diezeitgenössische Literaturszene mit ihren repräsentativen Autoren und Autorinnen, d.h. die japanische Literatur der Heisei-Ära (Heisei bungaku), die sogenannte „J-Literatur“ (J-Bungaku) der späten 1990er sowie Texte um das Jahr 2000 und aktuelle Neuerscheinungen. Zu den zeitgenössischen japanischen Schriftstellern, die näher betrachtet werden, zählen u.a. der „Kultautor“ Murakami Haruki, die Meisterin des Nippon noir, Kirino Natsuo, „Girlie-Autorinnen“ wie Kuroda Akira, Kanehara Hitomi und Wataya Lisa sowie andere, noch unübersetzte Talente. Untersucht werden ebenso die Vertreter der neuen Literaturkritik, die von ihnen geprägten Termini wie z.B. „L-Literatur“ und Trends des japanischen Literaturmarkts: Bestseller, Handyromane, Literatur und aktuelle Soziotypen  =  das Thema Arbeit in der japanischen Literatur, Freeter-Literatur (furîtâ bungaku) und „Prekariatsliteratur“ (purekariâto bungaku) (Links auf Wikipedia: Handyroman, Freeter-Literatur, Japanische Prekariatsliteratur).

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Sonderheft Heisei 1989-2019. Japanische Literatur

In Japan geht eine Ära zu Ende. Am 30. April 2019 übergab Kaiser Akihito den Chrysanthementhron an seinen Sohn Naruhito. Mit dessen zeremonieller Inthronisation begann am 1. Mai 2019 eine neue Zählung der Jahre unter der Devise Reiwa. Die Epoche Heisei – 1989 bis 2019 – tritt in den Raum der Geschichtlichkeit ein, und die Ereignisse der letzten dreißig Jahre rücken in eine historische Distanz, die es auch ermöglicht, Einschnitte in das Alltagsleben aus einem gewissen Abstand zu betrachten. Heisei hatte nicht wenige tragische Momente zu verbuchen: das Erdbeben von Kôbe, den Sarin Gas-Anschlag der neureligiösen Gruppe AUM im Zentrum der Metropole Tôkyô und zuletzt die Dreifachkatastrophe im Nordosten des Landes.

Die japanische Literatur hat die Heisei-Epoche und ihre Geschehnisse intensiv dokumentiert. Zeitdiagnostisches Schreiben war in dieser Phase außerordentlich populär, und so liegen zahlreiche literarische Repräsentationen der vergangenen drei Dekaden vor. Das „Sonderheft Heisei 1989-2019“ gibt Einblicke in das literarische und kulturelle Leben der Ära, verabschiedet sich sozusagen und wirft einen Blick in die Zukunft im Zeichen der Regierungsdevise Reiwa. Im Mittelpunkt stehen die zero nendai, die 2000er Jahre – mit bislang hierzulande noch kaum bekannten Schriftstellern und Schriftstellerinnen wie Henmi Yô, Shiraishi Kazufumi, Murata Sayaka und Furuichi Noritoshi.

Inhaltsverzeichnis      Seite des EB-Verlags

 

Special Issue Heisei

An era is coming to an end in Japan. On April 30, 2019, Emperor Akihito handed the chrysanthemum throne to his son Naruhito. His ceremonial enthronement began on 1 May 2019 and marked a new era under the motto Reiwa. The Heisei epoch – 1989 to 2019 – and the events of the last thirty years move into the realm of historicity.

Heisei had its share of tragic events: The earthquake in Kôbe, the sarin gas attack by the neo-religious group AUM in the center of the Tôkyô metropolis, and finally the threefold disaster in the northeast of the country. Japanese literature has extensively documented the Heisei era and its historic occurences. Time-diagnostic writings were especially popular, creating numerous literary representations of the last three decades. 

The "Special Issue Heisei 1989-2019" gives insights into the literary and cultural life of the past years. It aims to say goodbye, while also giving a glance into the future under the new banner of Reiwa. The focus, therefore, is on the zero nendai and the 2000s – with hitherto  in the West barely known writers such as Henmi Yô, Shiraishi Kazufumi, Murata Sayaka and Furuichi Noritoshi.


Japanische Gegenwartsliteratur (gendai bungaku)

Die japanische Gegenwartsliteratur, in erster Linie die Nachkriegsliteratur und die Literatur der 1970er und 1980er ist ein zentrales Forschungsfeld der Japanologie Frankfurt. Im Bereich der Gegenwartsliteratur gilt es einen Kanon zu bestimmen bzw. den gängigen Kanon repräsentativer Autoren zu sichten und zu überprüfen. Behandelt werden die Altmeister (Kawabata Yasunari, Tanizaki Jun’ichirô)  und die Klassiker der japanischen Gegenwartsliteratur wie Mishima Yukio, Abe Kôbô und Ôe Kenzaburô. Ebenso geht es darum, wichtige thematische und ästhetische Strömungen der Gegenwartsliteratur zu erfassen, etwa die sogenannte Frauenliteratur (joryû bungaku) mit Enchi Fumiko, Kôno Taeko, Ôba Minako und Tsushima Yûko, die Literatur der 1968er Bewegung und die der „Generation der Innerlichkeit“ (naikô no sedai). Gefragt wird sowohl nach ästhetischen literarischen Formen über den japanischen Ich-Roman (shishôsetsu) bis hin zur Literaturparodie wie auch nach der Rolle der Schriftsteller als Intellektuelle, nach Argumentationen hinsichtlich einer japanischen Identität und der Überwindung der Moderne, nach Kriegserfahrungen, Ideologien, Nationalismen und Selbstorientalisierung sowie nach der Kritik der japanischen Konsum- und Leistungsgesellschaft.

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Moderne japanische Literatur (kindai bungaku)

Die Literatur der klassischen Moderne (kindai bungaku) bildet den Ausgangspunkt für die Literaturforschung in Frankfurt. Autoren wie Mori Ôgai, Natsume Sôseki und Akutagawa Ryûnosuke, die als die zentralen Vertreter des modernen Japan gelten werden ebenso behandelt wie etwas entlegenere Schriftsteller, die zum Teil auch in der japanischen Literaturwissenschaft schon in Vergessenheit zu geraten scheinen, darunter z.B. Kitamura Tôkoku und Uchida Hyakken.  Auch die moderne japanische Lyrik (kindai-shi) bietet viele Möglicheiten zu innovativer Forschung.

  

  

  

  

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Literatur und Religion / Sinnsuche in Japan

Literatur und Religion ist ein spezielleres Forschungsfeld, das japanologisches und religionswissen- schaftliches Wissen vereint und dessen Betrachtung wichtige Hinweise auf weltanschauliche Debatten japanischer Intellektueller sowie auf die Zeitströmung der Selbst- und Sinnsuche im Japan der späten Shôwa-Ära gibt. Selbstsuche (jibunsagashi) und die Suche nach Heilung - und Trost (Stichwort iyashi) sind heute große Trends, deren Kenntnis Aufschluss über die japanische Konsumgesellschaft und ihre Lifestyledesigns verspricht; religiöse Bestseller und die allgemeine Ratgeberliteratur (ikikata no hon), die wir einer Sichtung unterziehen, echoen zudem das Bedürfnis nach spiritueller Orientierung im gegenwärtigen Japan.

  

  

 

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