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Wenn der Handtuchfrosch nach Regen riecht

Kawakami Hiromis zweiter Roman auf Deutsch

Handtuchfrosch

März 2009

Die schöne Geliebte des Trödelladenbesitzers Nakano aus Tokyo schreibt erotische Prosa: „Fahre mir sanft mit deinem Finger über die Stirn, Nasenrücken, Lippen, Kinn, Hals, Brust, Solarplexus, Nabel, von der Klitoris zur Vagina und weiter zum Anus“. Ein Kunde bringt einen Satz von Pornophotos zur Ansicht, von denen es heißt „die prallen Hintern und dicken Oberschenkel des Paars zogen den Blick des Betrachters  auf sich“. Und Nakanos Schwester Masayo hat einen „Stecher“ namens Maruyama.

Prüde Japaner im Lager der Lustmolche

Wer Japan noch als Reich der Sinne kennt und schätzt, wird von Kawakami Hiromis „Herr Nakano und die Frauen“ angetan sein. Einerseits. Andererseits lernt man eine prüde japanische Jugend kennen, die man in Japan „Kleinerwachsene“ (kotona) nennt. Viele Reifungsunwillige sind hier immerhin um die Dreißig, weigern sich aber beharrlich die Adoleszenzphase hinter sich zu lassen. Charakteristisch für diese scheue Spezies ist die Furcht vor den Mitmenschen. Im Bestreben, möglichst wenig Umgang mit ihnen zu pflegen, wird schließlich auch sexuellen Erfahrungen entsagt, wie der Körper im allgemeinen wenig Beachtung erfährt. Für die Extremfälle von Rückzugsjugendlichen gibt es in Japan eine eigene Bezeichnung, hikikomori. Die jungen Aushilfen des Herrn Nakano, Hitomi und Takeo, sind zwar keine Enklavenexistenzen, zeigen aber typische Merkmale des Moratoriumsyndroms, das als infantile Regression seit einigen Jahren in den japanischen Debatten um die Jugend des Landes besorgt beschrieben wird. Hitomi, die Ich-Erzählerin, lebt schon länger ohne Freund, Takeo, der bekennt, „Sex ist irgendwie nicht meine Stärke“, ist ebenfalls solo. Während der Roman die vorsichtige Annäherung der beiden sensiblen Charaktere kommentiert, trumpft die Generation der Älteren mit ihren erotischen Abenteuern auf, allen voran der fast siebzigjährige ehemalige Lehrer Tadokoro, der mit seinen Pornophotos eine etwas deftigere Variante des charmanten Sensei aus „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ darstellt.

Vertreibung aus dem Asyl

Bei Herrn Nakano finden sich gebrauchte Gegenstände aus Japans „alter Moderne“, Retro-Kitsch der Shôwa-Ära (1926-1989). Die Dinge aus vorangegangenen Dekaden künden von Geborgenheit, transportieren nostalgische Erinnerungen an eine glückliche Kinderzeit, so zum Beispiel das Bild des Froschs auf einem Handtuch, das Takeo benutzen darf, um sich sein regennasses Haar zu trocknen. Der japanische Leser verbindet mit dem Handtuchfrosch wahrscheinlich den legendären Keroppi, ein in ganz Japan bekanntes Amphibium, dessen Popularität mit der des Salamanders Lurchi zu vergleichen ist. Keroppi, der nach Regen riecht (hier lässt uns allerdings die Übersetzung im Stich!) und noch grüner strahlt, als er in Berührung mit Takeos feuchtem Haar gelangt, verfügt wie Lurchi über zahlreiche Kontakte im Teichmilieu und kann deshalb als Vorbildfigur für Sozialkompetenz gelten. Auch Hitomi und Takeo, traumatisiert nach einer Mobbing-Erfahrung, lernen durch manche Begegnung mit sympathischen Sonderlingen ihre Isolation zu überwinden. Entscheidende Fortschritte machen die beiden aber nicht, vor allem nicht miteinander  – eine kurze sexuelle Interaktion hinterlässt eher Verlegenheit als den Wunsch nach mehr. Jäh nimmt dann die entspannte Existenz der Dauerjobber, in Japan „Freeter“ genannt, ihr Ende: Der experimentierfreudige Geschäftsmann Nakano fasst ein neues Verkaufskonzept ins Auge und schließt den heimeligen Laden.

Frosch wird Prinz

Drei Jahre später. Hitomi ist mittlerweile Angestellte einer Zeitarbeitsfirma geworden und verrichtet Bürotätigkeiten am PC. Sie hat sich den Anforderungen des Alltags angepaßt, trägt anstelle ihres Vintage-Outfits konservative Kleider, fährt wie jedermann in einem überfüllten Zug zur Arbeit, schminkt sich jeden Morgen. Plötzlich trifft sie auf dem Flur ihrer neuen Firma Takeo. Die ehemalige Mimose hat sich stark verändert, er ist Webdesigner und trainiert in einem Fitnessstudio. Herr Nakano eröffnet in diesen Tagen ein elegantes Geschäft mit europäischen Antiquitäten im Bohème-Viertel Nishiogi. Zur Einweihungsfeier finden alle vier wieder zusammen, Nakano, seine Schwester Masayo, Hitomi und Takeo. Der hat nun sogar breitere Schultern, ein markanteres Gesicht, einen stärkeren Bartwuchs und per Training am Punching-Ball seine Hemmungen überwunden. Mannhaft entschuldigt er sich bei Hitomi für seine frühere Indifferenz: Eindeutig, dieser Frosch hat sich in einen Prinzen verwandelt. Er wendet den Blick nicht mehr von ihr, die nun durch seine Liebe erlöst wird

Kawakami Hiromi, der 1996 der anerkannte Akutagawa-Preis zugesprochen wurde, tun offenbar – wie zahlreichen anderen japanischen Schriftstellerkollegen – ihre jungen Landsleute leid. Diese hätten laut aktuellen nationalpsychologischen Befunden eben auf nichts mehr Lust, litten an Zukunftsangst, Prekarisierungsfurcht und Menschenscheu bis hin zur Totalverweigerung. Es lohnt sich zu leben und zu lieben, verlautbart Kawakami. Sie droht mit dem Tod als Mahnung, die Zeit auf Erden nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Damit zeigt sich die Autorin als Lebensberaterin einer verlorenen Generation, propagiert das Glück zu zweit und sexual healing in einem erstaunlich sinnesfeindlichen Alltagsjapan. Nebenbei lässt sie die alte Tradition der Kopfkissenbücher, der Bände zur erotischen Unterweisung junger Paare, wiederauferstehen. Ihre Rolle als Nationalpädagogin übertreibt Kawakami ein wenig, wenn sie neben der Sexualtherapie zu beruflicher Weiterbildung, Körperertüchtigung und fleißiger Zeitarbeit rät, um das Moratorium zu verlassen. Dann doch lieber echte Pornobücher.

(Lisette Gebhardt)

 

Kawakami Hiromi: Herr Nakano und die Frauen. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe und Kimiko Nakayama-Ziegler. München: Hanser, 2009. 224  S.

 

 

 

 

 

geändert am 20. Mai 2010  E-Mail: Goethe-Universität - Japanologie FB 09japanologie@uni-frankfurt.de

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Druckversion: 20. Mai 2010, 13:20
http://www.uni-frankfurt.de/fb/fb09/ophil/japanologie/__Dateien/_Texte/Handtuchfrosch.html