Vortrag Prof. Dr. Evelyn Schulz (Japanologie München): "Nagai Kafûs Reflexionen über die Atmosphäre und Ästhetik städtischer Räume: Zeitgenössische und gegenwärtige Aspekte der Neuentdeckung und Revitalisierung von Tokios Hintergassen und Wasserwegen"

Fotos: E. Schulz
Tokios Wohn- und Geschäftsviertel basierten ursprünglich auf kleinteiligen, oft sehr schmalen multifunktionalen Hinter- und Seitengassen, den so genannten roji. Diese standen wiederum in Verbindung mit einem ausgedehnten Netz an Wasserwegen – Flüssen, Bächen und Kanälen –, die die Stadt durchzogen und mit der Bucht verbanden. Im Zuge der Modernisierung und Ausgestaltung Tokios zur Hauptstadt im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden große Flächen neuen Nutzungen gewidmet, zahllose Holzhäuser wurden durch moderne Häuser ersetzt. Die Stadt wuchs sowohl in die Höhe als auch in die Weite. Tokios Stadtlandschaft veränderte sich erheblich und damit auch ihre Repräsentation in Kunst und Literatur. Aus der Sicht der Verfechter einer Neugestaltung Tokios nach europäischem bzw. nordamerikanischem Vorbild standen die roji und viele der Wasserwege einer umfassenden Modernisierung Japans im Weg. Tatsächlich waren insbesondere die engen roji hochgradig brandgefährdet und im Falle einer Katastrophe nur schwer zugänglich. Die Kritiker einer solchen Neugestaltung Tokios hingegen deuteten die roji und Wasserwege als urbane Gegenwelten zu einer europäisch-nordamerikanisch inspirierten Moderne.
In den zurückliegenden Jahrzehnten wurde ein Großteil der roji abgerissen, viele kleinere Wasserwege wurden überbaut, und auch in Abhandlungen zu Architektur und Städtebau kamen diese Stadtstrukturen nicht vor. Dies hat sich erst in den letzten Jahren geändert, als mit den Diskursen über nachhaltige Stadtentwicklung und darin eingebunden die Frage nach einem lebenswerten städtischen Leben der Erhalt von lokaler Kultur und Stadtlandschaft thematisiert wurde. In diesem Kontext erfahren Tokios roji-Viertel und Wasserwege Aufmerksamkeit. Die Wiederentdeckung und Neubewertung von Nagai Kafû (1879-1959) in den vergangenen Jahren ist auch vor diesem Hintergrund zu sehen. Kafû verfasste zahlreiche Werke, in denen er die Umgestaltung Tokios zu seinen Lebzeiten dokumentierte und die zugrunde liegenden Triebkräfte kritisch analysierte. Einen wichtigen Hintergrund für seine Wahrnehmung Tokios bildet sein fünfjähriger Aufenthalt in verschiedenen Städten in Nordamerika und in Frankreich (Lyon und Paris). In meinem Vortrag möchte ich anhand von Kafûs Essay Hiyorigeta ("Schönwettersandalen", 1914) aufzeigen, wie darin eine Ästhetisierung von Tokios roji und Wasserwegen zum Tragen kommt, die nicht nur in Verbindung zum damaligen Diskurs der „Schönheit der Stadt“ steht, sondern auch in Bezug zu heutigen globalen Fragen nachhaltiger Stadtplanung gesetzt werden kann.
Datum: 17. November 2011, 18:00 Uhr c.t.
Ort: Campus Bockenheim, Jur 705a
geändert am 14. November 2011 E-Mail: Goethe-Universität - Japanologie FB 09japanologie@uni-frankfurt.de
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