
Vortrag Dr. Matthias Koch, Freie Universität Berlin / Salzmannschule, Spezialgymnasium für Sprachen: "Fukushima - Japan vor und nach der „Großen Ostjapanischen Erdbebenkatastrophe"
(Reihe Sonderveranstaltungen "Japan und Japanologie in der Post-Fukushima-Ära - II")
In Kooperation mit dem Interdisziplinären Zentrum für Ostasienstudien (IZO)
Im Zentrum des Vortrages steht die Frage nach Kontinuität und Wandel der japanischen Atompolitik vor und nach der "Großen Ostjapanischen Erdbebenkatastrophe" (Higashi Nihon Daishinsai, auch "Erdbeben an der Pazifikküste vor der Tōhoku-Region" bzw. Tōhoku Chihō Taiheiyōoki Jishin) vom 11. März 2011. Beginnt mit "Fukushima" eine neue Zeitrechnung? Läutet die "Dreifachkatastrophe" mit dem "Super-GAU" das lange Ende der atomaren Ära in Japan ein? Welche Alternativen besitzt Japans Energiepolitik? Gibt es in Japan eine Neubewertung zum Beispiel hinsichtlich des von staatlicher Seite lange verfolgten Zieles eines geschlossenen Kernbrennstoffkreislaufes? Was sagen die zwischen 1956 und 2005 von der Kernenergiekommission (Genshiryoku Iinkai) verabschiedeten zehn Langzeitpläne zur Erforschung, Entwicklung und Nutzung der Kernenergie (Genshiryoku no kenkyū, kaihatsu oyobi riyō ni kansuru chōki keikaku) aus?
Wie ist der aktuelle Stand der Diskussionen zur Revision der "Grundzüge der Kernenergiepolitik" (Genshiryoku seisaku taikō) in Japan? Mit welchen Ländern bestehen Abkommen zur Kernenergie? Wie sieht die Atompolitik in den Nachbarländern Ost- und Südostasiens aus? Welchen Einfluss übt die topographische Lage Japans, die Anti-Atomkraft-Bewegung, die technische Entwicklung und die Energiepolitik auf Standortfragen zum Beispiel für neue Kernkraftwerke, Schnelle Brutreaktoren, Wiederaufarbeitungsanlagen und Entsorgungslager aus? Wie hat sich die japanische Importabhängigkeit auf dem Gebiet der Nukleartechnologie im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelt?
Da es sich hierbei um eine duale Technologie handelt, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden kann, stellt sich die Frage nach der "nuklearen Option" (kaku no sentakushi) und der "Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen" (kakufukakusan). In welche Phasen läßt sich die rund 75-jährige Geschichte der Kernenergie in Japan von der Mitte der 1930er Jahre bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts gliedern? Welche Erfahrungen hat Japan mit dem Rückbau von Nuklearanlagen gesammelt? Welche Brüche und Richtungsänderungen hat die Kernenergiepolitik in den 1990er und 2000er Jahren erfahren?
An der Geschichte des Prototyp-SBR (Schneller Brutreaktor) Monju in Tsuruga (Präfektur Fukui) haben Kritiker und Befürworter der Kernenergienutzung aus ihrer jeweiligen Perspektive gern das Ende der Plutoniumwirtschaft in Japan herausgelesen. Man könnte diesem Projekt aber auch den unbedingten politischen Willen entnehmen, sich in Energiefragen, die Hoheitsfragen sind, keine Bedingungen von anderen Staaten setzen zu lassen. Die japanische Regierung stellt gerade als ideeller Gesamtnutzenkalkulator fest, dass sie in ihrer Abwägung zwischen Volksgesundheit contra Konkurrenzfähigkeit und Rentabilität contra Sicherheit eventuell ein zu hohes Restrisiko eingegangen ist. Andere Regierungen lernen von der nach wie vor unübersichtlichen Gemengelage im Anschluss an ein Erdbeben und eine Flutwelle vor dem eurasischen Kontinent - fragt sich nur: was?
Datum: Donnerstag 20. Oktober 2011, 18:00 Uhr c.t.
Ort: Campus Bockenheim, Raum Juridicum 705a
An dieser Stelle sei auch auf den am folgenden Tag stattfindenden Workshop "Die Folgen von Fukushima", der ebenfalls von Dr. Matthias Koch abgehalten wird, hingewiesen.
geändert am 18. Oktober 2011 E-Mail: Goethe-Universität - Japanologie FB 09japanologie@uni-frankfurt.de
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